Ulrich Pöschl wird Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz

Multiphasenchemie als neue Abteilung am traditionsreichen chemischen Institut

27. September 2012

2012 ist ein wahres Festjahr für das Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie: Zu dem 100-jährigen Jubiläum und Einzug in den Institutsneubau gesellt sich ein weiterer Anlass zum Feiern. Am 1. Oktober übernimmt Dr. Ulrich Pöschl die neugegründete Abteilung Multiphasenchemie. Der Chemiker war zuvor wissenschaftlicher Gruppenleiter am Institut.

Ulrich Pöschl

Pöschl ist Experte für die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Phasen von Materie wie Feststoffen, Flüssigkeiten und Gasen: „Beispiele für Multiphasenprozesse sind die Bildung von Aerosolpartikeln, Wolken, Regen und Schnee in der Atmosphäre ebenso wie die Atmung von Menschen und Tieren“, erklärt der 42-Jährige. „Aus chemischer Sicht laufen in unserem Körper viele solcher Prozesse ab. So werden Moleküle zwischen Gasen wie Luft, Flüssigkeiten wie Blut und festen oder halbfesten Stoffen wie Zellwänden und Membranen ausgetauscht.“ Die Multiphasenchemie ist ein sehr breites Feld mit großer Bedeutung für die Erdsystem- und Klimaforschung ebenso wie für die Lebens- und Gesundheitswissenschaften.

Die Untersuchungen der neuen Abteilung gliedern sich in zwei unterschiedliche Bereiche: In der Erdsystem- und Klimaforschung liegen die Schwerpunkte der neuen Abteilung in der Untersuchung von biologischen und organischen Aerosolen, Aerosol-Wolkenwechselwirkungen und Atmosphären-Oberflächen-Austausch-prozessen. Im Bereich der Lebens- und Gesundheitswissenschaften konzentriert sich Pöschls Gruppe darauf, wie sich Protein-Makromoleküle durch Luftschadstoffe verändern und wie sich das auf allergische Reaktionen und Erkrankungen auswirkt.

Die Forscher werden den Ablauf von Multiphasenprozessen auf molekularer Ebene und ihre Auswirkungen auf der makroskopischen und globalen Skala untersuchen. Die Herausforderung liegt dabei in der Überbrückung verschiedener räumlicher und zeitlicher Größenordnungen: von Zehntel Nanometern bis zu Tausenden Kilometern und von Nanosekunden bis zu Jahren.

Seit 2007 ist der gebürtige Österreicher auch als Hochschullehrer in Mainz aktiv. Seine Lehrtätigkeit im Fachbereich Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie im Max Planck Graduate Center wird er in seiner neuen Position weiterführen. Darüber hinaus engagiert sich Ulrich Pöschl erfolgreich für die Verbesserung wissenschaftlicher Kommunikation und Qualitätssicherung: Er ist Initiator und Chefeditor der interaktiven Open Access Fachzeitschrift „Atmospheric Chemistry and Physics“ (ACP), die im Jahr 2001 als weltweit erste naturwissen­schaftliche Zeitschrift mit öffentlicher Fachbe­gutachtung und Diskussion gegründet wurde und sich seither zu einer der größten und angesehensten Zeitschriften in den Umwelt- und Geo­wissen­schaften entwickelte. Zudem ist Pöschl Vorsitzender des Publikations­kommitees und Ratsmitglied der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU).

 

Lebenslauf

Ulrich Pöschl studierte Chemie an der Technischen Universität Graz in Österreich und promovierte 1995 bei Karl Hassler am Institut für anorganische Chemie über das Thema “Synthese, Spektroskopie und Struktur selektiv funktionalisierter Cyclosilane“.

Von 1996 bis 1997 arbeitete er als Postdoctoral Fellow am Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, USA in der Gruppe von Mario Molina im Bereich der atmosphärenchemischen Reaktionskinetik und Massenspektrometrie von Schwefelsäure.

1997 trat Pöschl als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Chemie in die Abteilung Atmosphärenchemie ein und forschte in der Gruppe von Paul Crutzen über die Fotochemie von Ozon, organischen Spurengasen und stratosphärischen Wolken.

Von 1999 bis 2005 arbeitete Ulrich Pöschl am Institut für Wasserchemie der Technischen Universität München, leitete eine unabhängige Nachwuchs­forschergruppe und habilitierte sich in Chemie zum Thema „Carbonaceous Aerosol Composition, Reactivity and Water Interactions“.

2005 kehrte er an das MPI für Chemie nach Mainz zurück und leitete bis 2012 eine Forschungsgruppe in der Abteilung Biogeochemie. Seit 2007 lehrt Pöschl auch im Fachbereich für Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Ab 1. Oktober 2012 leitet Ulrich Pöschl die neue Abteilung Multiphasen­chemie am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz.

 

100-Jahre Kaiser-Wilhelm/Max-Planck-Institut für Chemie

Das Mainzer Institut feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen, denn am 23. Oktober 1912 eröffnete das Vorläuferinstitut, das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, in Berlin seine Türen. Noch zum Ende des zweiten Weltkriegs verließen die Forscher den Gründungsort und zogen unter ihrem damaligen Direktor Otto Hahn provisorisch auf die Schwäbische Alb. 1949 wurde das Institut für Chemie dann in die Max-Planck-Gesellschaft integriert und fand in Mainz seinen neuen Standort.

Die Forschungsthemen der Chemiker waren in den 100 Jahren mindestens so vielfältig wie ihre Forschungsstätten: Der Untersuchung von Pflanzenfarbstoffen durch Nobelpreisträger Richard Willstätter folgte 1938/39 die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn, Lise Meitner und Fritz Strassmann für die Hahn 1945 den Nobelpreis bekam. In den 1960er Jahren stand das Institut durch seine Mondforschung im öffentlichen Rampenlicht. Und in den 1980er Jahren festigte der Nobelpreisträger Paul Crutzen mit dem Thema Ozonabbau die Atmosphärenchemie als Forschungsrichtung.

Heute beschäftigt sich das Mainzer Institut primär mit den chemischen Wechselwirkungen zwischen Erde und Atmosphäre. Aus Anlass des Jubiläums wird am 22.10. das wissenschaftliche „Symposium Earth system chemistry: Future perspectives“ und am 28.10.2012 ein Tag der offenen Tür stattfinden. Zusätzlich wird die Ausstellung „Meilensteine“, die vom 23.10.2012 bis Ende Januar 2013 zu sehen ist, wichtige Stationen aus 100. Jahren Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Institut für Chemie zeigen.

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