Extreme Temperaturen, Hitzestress und unfreiwillige Migration

Werden die Anzeichen des Klimawandels weiter ignoriert, drohen im Nahen Osten und Nordafrika noch nie dagewesene, gesellschaftszerstörende Hitzeextreme – darauf deutet eine neue Studie hin

23. März 2021

Der Nahe Osten und Nordafrika sind Hotspots des Klimawandels. In der Region steigen die Temperaturen im Sommer viel schneller an als im Rest der Welt. Einige Teile der Region gehören bereits jetzt zu den heißesten Orten weltweit. Eine neue Studie, des Climate and Atmosphere Research Center des Cyprus Instituts auf Zypern und des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz prognostiziert, dass in dieser Region extreme und lebensbedrohliche Hitzewellen auftreten werden, wenn die Signale des Klimawandels weiter ignoriert werden und die globalen Treibhausgas-Emissionen weiter wie bisher steigen. Forschende sprechen vom Business-as-usual-Szenario. Solche außergewöhnlichen Hitzeereignisse werden den Nahen Osten und Nordafrika für große Teile der Bevölkerung unbewohnbar machen und zu Migrationswellen führen.

Sollten die Signale des Klimawandels weiter ignoriert und keine Maßnahmen zu dessen Eindämmung unternommen werden, drohen extreme und lebensbedrohliche Hitzewellen im Nahen Osten und in Nordafrika.

Die Studie, für die zahlreiche Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus der Region „Naher Osten und Nordafrika“ zusammenarbeiteten, hatte zum Ziel, die sich bereits heute abzeichnenden Merkmale von Hitzewellen wie sehr hohe Temperaturen und Trockenheit zu bewerten und darauf basierend Vorhersagen über deren Auftreten in der nahen Zukunft zu machen.

Die Forscherinnen und Forscher kombinierten dazu globale Klimaprojektionen mit hochauflösenden, regionalen Modellen, die es bisher für diese Region nicht gab. Die Forscher prognostizierten zukünftige Hitzeereignisse und bewerteten die Stärke der Hitzeperioden mit dem sogenannten „Heat wave magnitude Index“ (HWMI). Dieser erlaubt es, Hitzewellen hinsichtlich Dauer, Temperaturmaximum und Ort weltweit miteinander zu vergleichen.

„Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass es vor allem in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zu beispiellosen super- und ultra-extremen Hitzewellen kommen wird, wenn sich die bisherige Business-as-usual-Haltung nicht ändert", erklärt George Zittis, Forscher am Cyprus Institute und Erstautor der Studie. In städtischen Gebieten werde es zu übermäßig hohen Temperaturen von bis zu 56 Grad Celsius und darüber hinaus kommen, die mehrere Wochen andauern könnten. Das könne für Menschen und Tiere lebensbedrohlich sein, so Zittis. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts könnte etwa die Hälfte der Bevölkerung, also rund 600 Millionen Menschen in der Region solchen jährlich wiederkehrenden extremen Bedingungen ausgesetzt sein.

Klimabedingte Migrationswelle Richtung Norden

Berechnungen zeigen, dass die Anzahl der ultra-extremen Hitze-Ereignisse stark zunehmen wird in den kommenden Jahrzehnten. (MENA: Middle East and North Africa).

„Sozial schwächere Einwohner haben unter Umständen nicht die Möglichkeit, sich an solch raue Umweltbedingungen anzupassen", ergänzt Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie und Leiter des Forschungsteams. „Die Hitzewellen in Kombination mit regionalen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und demografischen Faktoren können massive Migrationswellen in kühlere Regionen im Norden auszulösen."

Um solche extremen Hitzeereignisse in der Region zu vermeiden, empfehlen die Wissenschaftler sofortige und effektive Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels. „Notwendig sind sowohl eine drastische Senkung der Treibhausgas-Emissionen, wie Kohlendioxid und Methan, als auch Anpassungslösungen für die Städte in der Region", betont Jos Lelieveld.

Demographen erwarten, dass in den nächsten 50 Jahren fast 90 Prozent der betroffenen Bevölkerung im Nahen Osten und Nordafrika in Ballungszentren leben werden, die mit diesen zerstörerischen Wetterbedingungen zurechtkommen müssen. „Es ist dringend notwendig, die Städte widerstandsfähiger gegen den Klimawandel zu machen", schlussfolgert George Zittis.

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