Die feine Nase der Störche

Ihr Geruchssinn führt Störche zu frisch gemähten Wiesen

18. Juni 2021

Die scharfen Augen eines Adlers, das außergewöhnliche Gehör einer Eule – um erfolgreich Futter zu finden, haben sich die Augen und Ohren der Vögel optimal ihren Lebensbedingungen angepasst. Dem Geruchssinn wurde bisher eine eher untergeordnete Rolle zugedacht. Werden Wiesen frisch gemäht, erscheinen dort oft Störche, um nach Schnecken und Fröschen zu suchen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell und des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz haben nun das Verhalten der Vögel erforscht und herausgefunden, dass die Störche durch den Geruch des gemähten Grases angelockt werden. Nur Störche, die sich windabwärts aufhielten und so den Geruch wahrnehmen konnten, reagierten auf das Mähen. Die Forscher besprühten zudem eine Wiese mit einem Spray aus grünen Blattduftstoffen, die beim Mähen freigesetzt werden. Auch hier erschienen Störche. Dies zeigt, dass die Weißstörche ihren Geruchssinn zur Futtersuche verwenden und lässt vermuten, dass der Geruchssinn auch bei anderen Vögeln eine größere Rolle spielen könnte als bisher gedacht.

Die Beutetiere von Störchen leben gerne in hohem Gras. Für die Vögel ist die Nahrungssuche einfacher, wenn die Wiesen frisch gemäht sind.

Für die Bauern am Bodensee ist es ein gewohntes Bild: Beginnen sie mit dem Mähen ihrer Wiesen, erscheinen oft wie aus dem Nichts Störche neben den Traktoren. Die Weißstörche leben in den feuchten Gebieten um den See und ernähren sich von Schnecken, Fröschen und kleinen Nagern, die in hohen Wiesen Unterschlupf finden. Werden diese Wiesen gemäht, sind die kleinen Tiere eine leichte Beute. Die Störche erscheinen jedoch nicht immer, wenn gemäht wird. Bisher war nicht bekannt, wie die Störche die reiche Futterquelle ausfindig machen können.

Bislang glaubte man, dass sich Vögel vor allem auf ihre Augen und Ohren und weniger auf ihren Geruchssinn verlassen. „Man hat einfach angenommen, dass Vögel nicht gut riechen können, weil sie ja keine richtigen Nasen haben“, erzählt Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. „Dabei haben sie einen sehr großen Riechkolben im Gehirn mit vielen Rezeptormolekülen für Duftstoffe.“ Vögel besitzen also die besten Voraussetzungen für eine feine Nase.


Wikelski beobachtet seit längerem Störche und erforscht unter anderem deren Zugverhalten. Als er mit seinem Kollegen Jonathan Williams über die rätselhafte Reaktion der Störche auf gemähte Wiesen sprach, hatte dieser eine Idee. Williams beschäftigt sich am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz mit flüchtigen organischen Verbindungen und deren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. „Meine Vermutung war, dass die Störche auf den intensiven Geruch des frisch geschnittenen Grases reagieren“, erzählt Williams. Dieser typische Geruch wird von sogenannten grünen Blattduftstoffen erzeugt und besteht aus nur drei verschiedenen Molekülen. „Diese werden zum Beispiel auch Parfums zugesetzt, um ihnen eine frische, „grüne“ Note zu geben“, erklärt Williams.

Häufig tauchen schon kurz nach Beginn des Mähens die ersten Störche auf. Der Geruch des frisch geschnittenen Grases lockt sie an.

Die Forscher wollten nun herausfinden, ob tatsächlich der Geruchssinn die Störche zu frisch gemähten Wiesen führt. Dafür beobachteten sie die Bewegungen der Vögel sowohl vom Flugzeug aus als auch über GPS-Sensoren markierter Tiere. „Wir mussten zuerst ausschließen, dass die Störche den Traktor hören oder den Mähvorgang sehen konnten“, sagt Wikelski. Daher nahmen sie nur Störche in die Beobachtung auf, die mehr als 600 Meter von der gemähten Wiese entfernt waren und keinen direkten Sichtkontakt hatten. Die Forscher achteten auch darauf, dass die Störche nicht durch das Verhalten von Artgenossen oder anderen Vögeln auf den Mähvorgang aufmerksam wurden.

Wenn das Mähen begann, flogen nur die Störche zur betreffenden Wiese, die sich windabwärts aufhielten. Die Artgenossen, die sich windaufwärts befanden und dadurch den Grasgeruch nicht wahrnehmen konnten, reagierten nicht. Um zu testen, ob allein der Geruch des geschnittenen Grases die Störche anlockte, wechselten die Forscher zu einer Wiese, die zwei Wochen zuvor gemäht worden war. „Das Gras dieser Wiese war immer noch sehr kurz. Deshalb ist sie für die Störche zur Futtersuche uninteressant“, erklärt Wikelski. Auf dieser Wiese verteilte er mit Kollegen Gras, das kurz zuvor in größere Entfernung gemäht worden war. Kurze Zeit später flogen die ersten Störche ein und suchten in dem gemähten Gras nach Futter.

Die Forscher mixten schließlich eine Lösung aus grünen Blattduftstoffen und versprühten sie auf einer Wiese mit kurzem Gras. Die Wiese duftete danach intensiv nach gemähtem Gras und lockte ebenfalls Störche aus der Umgebung an. „Dies belegt, dass Störche über Gerüche in der Luft zu Futterstellen finden“, sagt Williams.

Diese Erkenntnis widerspricht der bisherigen Annahme, Störche würden vor allem ihre Augen zur Futtersuche nutzen. Vielmehr verlassen sich die Vögel dabei auf ihren Geruchssinn. „Es gab Störche, die von der anderen Seite des Bodensees über 25 Kilometer zu den gemähten Wiesen geflogen sind“, erzählt Wikelski. Die Forscher vermuten, dass auch bei der Futtersuche anderer Vogelarten der Geruchssinn eine größere Rolle spielen könnte, als bisher angenommen. So werden auch regelmäßig Greifvögel wie Bussarde und Rotmilane über frisch gemähten Wiesen beobachtet.

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