
Wonach alte Bücher riechen
und was ist eigentlich alt?
Wer ein altes Buch aufschlägt, hält es oft ganz unbewusst einen Moment näher an die Nase. Da ist dieser warme, leicht süßliche Geruch, ein wenig staubig, vertraut – für viele Menschen riecht er nach Geschichte. Manche sagen sogar: nach Vanille.
Dieser Eindruck ist so verbreitet, dass er fast schon als Eigenschaft „alter Bücher“ gilt. Und doch stimmt er nur teilweise.
Denn Bücher riechen nicht deshalb so, weil sie alt sind. Sie riechen so, weil sie aus bestimmten Materialien bestehen.
Viele der Bücher, die wir heute als „alt“ empfinden, stammen aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde Papier überwiegend aus Holzschliff hergestellt. Holz enthält Lignin, einen natürlichen Stoff, der dem Baum Stabilität verleiht. Mit der Zeit zerfällt Lignin – langsam, aber unaufhaltsam – und dabei entstehen flüchtige Verbindungen, die in die Luft abgegeben werden. Einige davon riechen süßlich, warm, manchmal tatsächlich vanilleartig.
Der typische Geruch alter Bücher also mehr als Romantik und gewiss kein Zufall: Er ist Chemie.
Doch viele Bücher sind deutlich älter als das Holzschliffpapier. Handschriften und Drucke aus früheren Jahrhunderten bestehen meist aus sogenanntem Lumpenpapier, hergestellt aus Baumwoll- oder Leinenfasern. Dieses Material enthält kaum oder gar kein Lignin. Die Abbauprodukte, die wir mit dem klassischen „Buchgeruch“ verbinden, können hier gar nicht (oder kaum) entstehen.
Materialwechsel markieren Wendepunkte – vom Pergament bis zur messbaren Duftsignatur alter Bücher. (Abbildung von Alexandra Gutmann)
Solche Bücher riechen oft ganz anders. Sie können mehrere hundert Jahre alt sein und dennoch nicht nach dem riechen, was wir für „alt“ halten.
In unserem Projekt beschäftigen wir uns genau mit dieser unsichtbaren Ebene von Büchern. In Zusammenarbeit mit der Martinus-Bibliothek in Mainz haben wir die außergewöhnliche Möglichkeit, instrumentell an einer großen Vielfalt historischer Bücher zu messen – darunter auch Werke, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. So können wir den Emissionen sehr unterschiedlicher Materialien, Herstellungsweisen und Alterungszustände buchstäblich „nachspüren“.
Die Bücher bleiben unversehrt – gemessen werden ausschließlich die flüchtigen Emissionen, die sie an die Luft abgeben. (Foto Alexandra Gutmann)
Wir messen die Stoffe, die die Bücher an die Luft abgeben – ihre Emissionen. Mit analytischen Methoden erfassen wir, welche flüchtigen Verbindungen entstehen, wie sie sich zwischen verschiedenen Papiertypen unterscheiden und was sie über den Zustand eines Buches verraten.
So wird der Geruch eines Buches zu einer messbaren Spur. Er erzählt von den Materialien, aus denen es gemacht wurde, von seinem Alterungsprozess und manchmal auch davon, wie es ihm geht.
Unterschiede zwischen Holzschliff- und Lumpenpapier sowie Spuren späterer Eingriffe. (Messung Kathleen Raap, Analyse Alexandra Gutmann)
Gerüche sind an Orte gebunden und an die Geschichten, die dort entstanden sind. In Mainz ist der Geruch alter Bücher untrennbar mit der Geschichte des Buchdrucks verbunden, die bis heute das kulturelle Selbstverständnis der Stadt prägt. Aus diesem Grund findet sich dieser Duft auch in unserer Duftkarte wieder.
Text: Alexandra Gutmann



