Dom

Der Mainzer Dom

Wenn Geschichte in der Luft liegt – Einblick in die chemische Duftsignatur

Der Mainzer Dom ist nicht nur ein beeindruckendes Bauwerk von historischer und kultureller Bedeutung, sondern auch ein einzigartiger Untersuchungsraum für uns. Die Raumluft in einem solchen Gebäude trägt die Spuren seiner Materialien, seiner Geschichte – und seiner Nutzung. Alte Hölzer, Mauerwerk, Farben, Restaurierungsmaterialien, aber auch Kerzenrauch, Weihrauch oder Besucheraktivitäten hinterlassen flüchtige Substanzen, die sich mit sensibler Messtechnik erfassen lassen.

Im Rahmen unseres Projekts D2Smell haben wir vor Ort Emissionsspektren im Innenraum des Doms aufgenommen. Ziel ist es, mithilfe chemischer Analytik zu verstehen, welche organischen Verbindungen in der Raumluft präsent sind – und was sie uns über die Vergangenheit und Gegenwart dieses Ortes erzählen können.

Gerüche sind an Orte gebunden und an die Geschichten, die dort entstanden sind. In Mainz ist der Dom ein solcher Ort – prägend für das Stadtbild, für das Leben und für viele besondere Momente. Weil der Dom ein so besonderer Ort ist, hat sein charakteristischer Duft – hier als Weihrauch – einen Platz auf unserer Duftkarte bekommen.


Das Duftbild im Mainzer Dom

Das untenstehende Chromatogramm zeigt die Zusammensetzung der flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs), die wir im Innenraum des Doms nachweisen konnten. Anders als bei Blütendüften stammen diese Substanzen aus einer Vielzahl an Quellen: Baumaterialien, organischen Alterungsprozessen, Reinigungsmitteln, Kerzen oder liturgischen Duftstoffen wie Weihrauch.

Wir konnten eine Reihe charakteristischer Substanzen identifizieren, die Rückschlüsse auf verschiedene Quellen zulassen:

🪵 Furfural & Hexanal

Diese beiden Aldehyde entstehen bei der Alterung von Holz oder Textilien und deuten auf historische Baumaterialien oder Möbel im Dom hin. Sie sind typische Marker für organische Zersetzungsprozesse von Holzeinrichtung in Innenräumen.

🌼 α-Pinen & Nonanal

Zwei Substanzen, die für den gelebten Alltag im Dom stehen. α-Pinen ist ein charakteristisches Monoterpen von Nadelholz – sein frischer, harziger Duft erinnert an Kiefernwald. Nonanal dagegen trägt einen wachsig-zitrusartigen Geruch und kann sowohl beim Abbau organischer Materialien entstehen als auch durch Parfümöle oder sogar durch die Anwesenheit von Menschen.

🕯️ Dekan

Kerzenlicht hinterlässt nicht nur Helligkeit – sondern auch Spuren in der Luft. Dekan ist ein langkettiges Alkan, das in Paraffinprodukten vorkommt – etwa in Kerzen oder Wachsen. Seine Anwesenheit ist geruchlich kaum auffällig, aber als „warmes“ Grundaroma wahrnehmbar.

🎨 Xylole & Ethylbenzol

Diese aromatischen Verbindungen stammen meist aus Farben, Lacken und Klebern. Sie geben damit Hinweise auf Restaurierungsmaßnahmen oder auch auf ältere Beschichtungen, die noch heute leicht flüchtige Substanzen abgeben. Sie entstehen aber auch beim Verbrennen von Kerzen.

🧴 Essigsäure

Eine einfache, aber prägnant riechende Verbindung, stechend-sauer und unverkennbar an Essig erinnernd. Während wir am frühen Morgen unsere Proben sammelten, wurde an anderer Stelle im Dom fleißig sauber gemacht. Wir konnten den Geruch an unserem Messplatz nicht wahrnehmen, unsere Messtechnik aber sehr wohl. Essigsäure kann jedoch nicht nur aus Reinigungsmitteln stammen, sondern wird auch vom Menschen selbst emittiert – über Atemluft und Haut. Was wir aufgezeichnet haben, könnten also ebenso die feinen Reste der Besucher des Vortags gewesen sein. Mehr dazu auf unserer Projektseite zu menschlichen Duftemissionen.

Weihrauch – Duft besonderer Momente

An hohen Feiertagen verändert sich die Atmosphäre im Dom spürbar. Besucherinnen und Besucher treten ein, oft etwas leiser als sonst, erwartungsvoll, mit dem Gefühl, dass dieser Moment sich vom Alltag unterscheidet. Teil dieser besonderen Stimmung ist auch der Duft.

Wenn Weihrauch verwendet wird, füllt er den Raum mit einer dichten, warmen Note. Harzige, leicht süßliche und frische Nuancen legen sich über den sonst eher zurückhaltenden Hintergrund des Doms. Für eine Weile tritt alles andere in den Hintergrund – der Raum bekommt einen neuen, deutlich wahrnehmbaren Charakter.

🌿 Linalool & Essigsäureoctylester
Diese beiden Verbindungen sind typische Bestandteile von Weihrauchharzen. Linalool besitzt einen blumig-frischen, leicht zitrischen Geruch, während Essigsäureoctylester fruchtige, weiche Noten beisteuert. Beide Substanzen konnten wir sowohl im reinen Weihrauch als auch in den Proben aus dem Dom nachweisen.

🔥 Toluol
Neben diesen ursprünglichen Bestandteilen treten auch Verbindungen auf, die erst beim Verbrennen entstehen. Toluol ist ein typisches Beispiel dafür. Es gehört zu den aromatischen Verbindungen und entsteht durch thermische Prozesse beim Verräuchern. Seine Anwesenheit zeigt, dass das gemessene Profil nicht nur das Harz selbst widerspiegelt, sondern auch dessen Umwandlung durch Hitze.

Was den Duft ausmacht – zwischen Messung und Wahrnehmung

Auffällig ist dabei, dass manche Peaks im Chromatogramm vergleichsweise klein sind - geruchlich sind sie dennoch von großer Bedeutung.

Das wird besonders deutlich im Vergleich von Linalool mit Essigsäure. Essigsäure tritt im Chromatogramm oft mit einem deutlich größeren Signal auf, bleibt in der Raumluft aber häufig unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Trotz ihrer analytischen Präsenz trägt sie daher nur wenig zum tatsächlichen Geruchseindruck bei. Linalool verhält sich genau umgekehrt. Die Verbindung ist meist in deutlich geringerer Konzentration vorhanden, besitzt jedoch eine sehr niedrige Geruchsschwelle. Schon kleine Mengen reichen aus, um wahrgenommen zu werden und den Duftcharakter spürbar zu prägen.

Die Größe eines Peaks sagt damit wenig darüber aus, wie stark eine Substanz den Geruch bestimmt – entscheidend ist, wie empfindlich unser Geruchssinn auf sie reagiert. Gerade bei komplexen Duftmischungen wird deutlich, dass analytische Daten allein nicht ausreichen, um den Geruch eines Ortes vollständig zu erfassen. Die Beschreibung durch Menschen ist eine wichtige Ergänzung – sie hilft dabei, die gemessenen Substanzen mit dem tatsächlichen Dufteindruck zu verknüpfen.

Wer uns dabei unterstützen möchte, solche Duftbeschreibungen mit unseren Messdaten zusammenzubringen, kann bei unserer Duft Incognita mitmachen. Dort sammeln wir Wahrnehmungen und Eindrücke, die helfen, das chemische Profil eines Ortes besser zu verstehen.


Die Präsenz dieser Substanzen in der Raumluft des Doms ist ein chemischer Ausdruck gelebter Praxis – wie ein unsichtbares Protokoll. Sie zeigen, was dort passiert und verleihen dem Mainzer Dom seinen ganz eigenen unverwechselbaren Duft. Sein Duft gehört damit ebenso zur Identität der Stadt wie seine Architektur. Aus diesem Grund findet sich auch der Mainzer Dom in unserer Duftkarte wieder.

 

Text: Alexandra Gutmann

Zur Redakteursansicht