Die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft

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Einweihung der Kaiser-Wilhelm-Institute für Chemie und für Elektrochemie in Berlin in 1912 durch Kaiser Wilhelm II. Bild: Archiv der MPG Berlin-Dahlem

Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ist die Vorgängerin der heutigen Max-Planck-Gesellschaft. Sie wurde 1911 gegründet – in einer Zeit, die durch zahlreiche wissenschaftliche und technische Innovationen bestimmt war, die immer neue Anforderungen an die Forschung stellten. Staat und Wirtschaft schufen eine Gesellschaft, um herausragenden Wissenschaftlern mit einem eigenen Institut und ohne Lehrverpflichtungen die Möglichkeit zur Spitzenforschung zu geben. Vorbild war unter anderem das Pariser Institut Pasteur und die Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Berlin.

Kaiser Wilhelm II. verkündete am 10. Oktober 1910 die geplante Gründung der Gesellschaft: „Um dem Unternehmen aber dauernde Förderung zu sichern, ist es mein Wunsch, unter meinem Protektorat und meinem Namen eine Gesellschaft zu begründen, die sich die Errichtung und Erhaltung von Forschungsinstituten zur Aufgabe stellt.“

Bereits im Januar 1911 fand die konstituierende Sitzung mit 83 Stimmberechtigten aus Industrie und Wissenschaft in Berlin statt. Die Finanzierung wurde im Wesentlichen durch Spenden und Mitgliedsbeiträge zahlreicher Privatpersonen und Wirtschaftsgrößen gesichert, die sich dann „Mitglied der KWG“ nennen durften. Der preußische Staat stellte das Gelände zur Verfügung, der Kaiser gab seinen Namen.



Die Gründung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie

Exponat 1a: Modell des KWIs, KWI Medaille

Das Senatorenabzeichen der KWG ab 1927, Bestand des MPG-Archivs

Nur eineinhalb  Jahre nach der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft fand die Eröffnung der Kaiser-Wilhelm-Institute für Chemie und für physikalische Chemie und Elektrochemie statt. Zusammen mit KWG-Präsident Adolf von Harnack und den beiden Direktoren Ernst Beckmann und Fritz Haber eröffnete Kaiser Wilhelm II. die Institute am 23. Oktober 1912.

Wie auch sein Nachbarinstitut war das Institut für Chemie vom Hofarchitekten Ernst von Ihne im Stil der Dahlemer Villen entworfen und in einer Rekordzeit von nur elf Monaten fertiggestellt worden. Die Labors waren ebenso modern wie funktionell: „Weißer Kachelbelag […] und reichlichste Verwendung von Glas nach allen Seiten sorgen für genügende Erhellung bei Tage. Abends dienen zur Beleuchtung […] elektrische Glühlampen. […]. Ein sauberer, blanker Fußbodenbelag erzieht direkt zur Reinlichkeit.“

Modell des alten KWI für Chemie Gebäudes im Eingangsbegreich des MPIc-Neubaus. Foto: S. Benner

Das Institut für Chemie umfasste drei selbstständige Abteilungen: Die Abteilung für Anorganische und Physikalische Chemie unterstand dem Institutsdirektor Ernst Otto Beckmann. Leiter einer kleinen Abteilung für das noch junge Forschungsgebiet Radioaktivität wurde der Chemiker Otto Hahn; mit ihm kam auch die Physikerin Lise Meitner, mit der er schon seit einigen Jahren zusammenarbeitete, ans Institut. Für die „Organische Chemie“ hatte man Richard Willstätter gewinnen können.
(teilweise aus Elke Maier, Max Planck Forschung 2012)



Der erste Nobelpreis

Exponat 1b: Blumenbeet und Chromatografie

Mithilfe einer Chromatografie kann festgestellt werden, aus welchen Bestandteilen ein Stoffgemisch, beispielsweise Pflanzenfarbstoffe, bestehen. Foto: Susanne Benner

Richard Willstätter war einer der Begründer der modernen Biochemie und leitete die Abteilung für Organische Chemie. Er hatte in München über die Struktur des Kokains promoviert und an der ETH Zürich über die Fotosynthese und der Struktur von Blüten- und Fruchtfarbstoffen geforscht. Dies setzte er in Dahlem fort und legte einen riesigen Institutsgarten an, darunter Pflanzungen „von großblütigen Astern, von rotem Salbei, von rotblättrigen roten Rüben, von tiefvioletten Stiefmütterchen […].“ Die ganze Pracht verschwand in großen Steinbottichen, um die darin enthaltenen Farbstoffe zu extrahieren. Dazu waren große Mengen Alkohol nötig, was wegen der hohen Alkoholsteuer schon bald das Budget überstieg. Willstätter musste auf billigeres Aceton ausweichen. Doch die Investitionen zahlten sich aus: Für seine Forschung über die Pflanzenfarbstoffe, insbesondere das Chlorophyll, erhielt Willstätter 1915 den Nobelpreis für Chemie.

Die Arbeiten, für die ihm die hohe Auszeichnung zuteil geworden war, lagen zu diesem Zeitpunkt allerdings brach. Der Erste Weltkrieg wütete und diktierte die Forschung am Institut. Willstätter übernahm er den Auftrag, Atemschutzfilter für Gasmasken zu entwickeln. Sie sollten die Truppen im Gaskrieg gegen Chlor, Phosgen und „sämtliche bekannten und möglichen Gifte und Reizstoffe“ schützen. Rund dreißig Millionen Stück der neuen Dreischichtfilter kamen innerhalb eines Jahres zum Einsatz. 1916 verließ Willstätter das KWI für Chemie und übernahm den Lehrstuhl seines Lehrers Adolf von Baeyer an der Universität München.

Willstätters Labor um 1912, Richard Willstätter in der Mitte; Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft Berlin-Dahlem

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